... und sie tranken alle daraus (eine Predigt)

ai-generated-8756625_1280 (Foto: Ruedi Bertschi)
Die Geschichte des Heiligen Abendmahls hat eine lange Geschichte. Darum lohnt es sich, alle paar Jahre wieder mal die Ursprungsgeschichte zu lesen und zu bewegen. Daraus ist eine Predigt entstanden.
Ruedi Bertschi,
Predigt vom 1. Februar 2026 zu Markus 14:22-25
…. und sie tranken alle daraus


Liebe Gemeinde, liebe Gäste

Wir haben in der Lesung die Vorgeschichte zum ersten grossen Bund gehört, den Gott mit seinem Volk danach im Sinai geschlossen hat, auf dem Weg zwischen Ägypten und dem verheissenen Land. Vor dem Empfang des Gesetzes und der Gebote geschah die Befreiung. Die Befreiung geht allen Gesetzen und Geboten voraus. Diese Befreiung muss gefeiert werden, in der Nacht der Befreiung selber und auch danach jedes Jahr. Diese Befreiung bekommt ein sehr sinnliches Zeichen. Dazu wird ein Schafbock oder ein Ziegenbock geschlachtet. Bereits dies ist für alle Beteiligte eine sehr sinnliche Übung. Man brät das Tier über dem Feuer und isst alles davon am gleichen Abend. Da wird also gebraten, geschmeckt, geschmatzt, gekaut und wohl auch gelacht, zumal alles Reisemontur geschehen muss. Das Blut des Tieres aber streicht man an die Türpfosten an den Querbalken… unglaublich archaisch geht es zu, in der Nacht, die für die freien Ägypter das Ende und für die versklavten Israeliten der Anfang bedeutet.

Und nun erzählt uns Markus im 3-letzten Kapitel seines Evangeliums auch noch von einer ganz besonderen Nacht und von einer ganz speziellen Handlung. Und wieder geht es um ein Essen und Trinken. Markus 14:22-25: Und während sie assen, nahm er Brot, sprach den Lobpreis, brach es und gab es ihnen und sprach: Nehmt, das ist mein Leib. 23 Und er nahm einen Kelch, sprach das Dankgebet und gab ihnen den, und sie tranken alle daraus. 24 Und er sagte zu ihnen: Das ist mein Blut des Bundes, das vergossen wird für viele. 25 Amen, ich sage euch: Ich werde von der Frucht des Weinstocks nicht mehr trinken bis zu dem Tag, da ich aufs Neue davon trinken werde im Reich Gottes.

Wow! Was da passiert, in einem gemieteten Obergemach eines geräumigen Hauses zu Jerusalem, an diesem Abend, an diesem Gründonnerstagabend, in dieser Nacht, wo ER verraten ward… Was da passiert! Und was daraus in der 2000-jährigen Geschichte der Christenheit alles geworden ist von Alexandria bis Pretoria, von Oslo bis nach Catania im fernen Sizilien, von Moskau, über Ulan Bator bis nach Peking und vom kanadischen Ottawa, über Mittelamerika bis hinunter nach Buenos Aires. Hunderte von Liturgie- und Dogmatik Bücher sind entstanden, um das Geheimnis dieses Abends zu lüften und zu bewahren, zu klären oder auch einfach nur, um es geordnet zu feiern… Das Heilige Abendmahl, das Herrenmahl, die Eucharistie… Wenn ich nur denke, dass ich in einem äthiopischen Gottesdienst ein Foto beim Austeilen des Mals machen wollte und mir das streng verboten wurde. Oder wie wir 4000 km südlich von hier mit Grenadin Sirup in der Stadt und mit gezuckertem Rote Malve-Tee auf dem Land Abendmahl gefeiert haben. - Ich will nun in dieser Predigt nur auf zwei Details hinweisen, und sie etwas zu vertiefen versuchen, um uns zur Ermutigung.

Das erste Detail ist der Hinweis von Markus im Bezug auf die Beteiligung am Mahl und am Trank damals, wo er festhält «… und sie tranken alle daraus!» ALLE? – Ja, ALLE! Man muss sich das mal vor Augen halten: ALLE, das sind die Zwölf! Bei zwölf Personen kann man den Überblick auch in meinem fortgeschrittenen Alter noch einigermassen behalten. ALLE, das sind die neun, die nach der Verhaftung ihres Meisters noch in derselben Nacht geflohen sind, sich quasi aus dem Staub gemacht haben, weil ihnen der Staub zu staubig und die Situation zu brenzlig wurde. ALLE, dazu gehört auch Petrus, der immerhin in der Nähe seines Meisters blieb, der aber, kaum selber in Gefahr, ihn verleugnet hatte, indem er von seiner Jüngerschaft nichts mehr wissen wollte, nicht einmal gegenüber einer einfachen Dienstmagd, angestellt in einem Jerusalemer Putzinstitut. ALLE, da gehört auch Judas Ischariot dazu, der bereits alles aufgegleist und eingefädelt hatte, um Jesus in genau dieser Nacht an die Häscher aus dem Kreise der Priesterelite zu verraten. Judas trank daraus, der bereits das Zeichen, den Kuss, den schrecklichen Judas-Kuss aus- und abgemacht hatte. Nur der Jünger Johannes, «der Jünger, den Jesus lieb hatte», einzig er war am nächsten Freitagmittag noch unterm Kreuz anzutreffen, nur er, einzig und allein er.

«… und sie tranken alle daraus!» Ich will das statistisch noch etwas aufarbeiten. - Alle hatten also vom Brot gegessen. Alle hatten also vom Kelch getrunken. Und schliesslich war nur einer unter dem Kreuz anzutreffen, umgerechnet 8,333% der ganzen Jüngerschaft. Das von Jesus gestiftete Mal war also alles andere als ein Stärkungsmahl, geschweige denn ein Zaubertrank. Denn 91,666% waren tags darauf nicht unterm Kreuz zu finden. 8,333% hatten ihn gar verleugnet und als Höhepunkt des Tiefpunktes, 8,333% der zwölf andächtigen Kommunikanten waren nicht nur Verleugner, sondern schlicht und einfach hundsgemeine Verräter, wenn dann Hunde überhaupt so gemein sein können.


Liebe Gemeinde, liebe Gäste

Ich liebe diese radikale Ehrlichkeit in den Evangelien. Ich liebe diesen so ergreifenden und gleichzeitig so unglaublich authentischen Bericht, dieser grenzenlosen Schwachheit der Jünger nach dem von Jesus eingesetzten Heiligen Mahl. So was würde nie jemand erfinden. Keiner käme auf die Idee, in einem Gründungsdokument einer neuen Religion so eine unglaublich erschütternde, entlarvende und enttäuschende Geschichte zu erfinden. Heldengeschichten sind in aller Regel beschönigende Geschichten. Markus aber erzählt uns von den Zwölfen beinahe das pure Gegenteil. Und das macht mich so hoffnungsvoll im Hinblick auf den Rest meines Lebens, im Blick auf unsere Gemeinde, auf unsere Kantonalkirche, auf die Weltkirche und im Blick die Zusammenarbeit mit unseren Geschwistern von anderen Kirchen. Wir müssen uns nichts vormachen. Denn es wurde von Anfang an nur mit Wasser gekocht, nur mit H2O, wie es die Reuss herunterfliess und wie es die beiden Becken der der Dürrenäscher Dorfbadi füllt, dessen Präsident heute glücklicherweise unter uns ist. - Alle waren beim Abendmahl dabei, alle! «Und er nahm einen Kelch, sprach das Dankgebet und gab ihnen den, und sie tranken alle daraus…» So schlicht so einfach! Und darum, wenn wir dann wieder feiern: Du bist eingeladen. Tiefer als Judas kannst du so leicht nicht gefallen sein.

Das zweite auf das ich heute hinweisen will, sind die Worte von Jesus: «Nehmt, das ist mein Leib.» Und: «Das ist mein Blut des Bundes, das vergossen wird für viele.» Ganz bewusst habe ich aus all den möglichen Übersetzungen die Zürcher Übersetzung gewählt, die reformierteste, zwinglianischste von all den Übersetzungen in deutscher Sprache. Was haben die Reformatoren noch gestritten! Heisst es, das ist mein Leib und das ist mein Blut, oder heisst es nicht vielmehr, das bedeutet mein Leib und das bedeutet mein Blut? Ist es nun das Essen und Trinken vom Leib und Blut unseres Herrn oder doch nur ein Erinnerungsmahl?

Was will ich Euch nun gegen Ende eines intensiven Pfarrerlebens weitergeben? Nun, als Luther 1529 in Marburg mit Zwingli übers Abendmahl disputierte, da war Zwingli 45 und Luther 46 Jahre alt. Wer hier drin ist 46 oder darunter? Also, als einer der inzwischen 20 Jahre älter ist als die beiden Reformatoren damals, will ich versuchen, das Geheimnis auf mein Leben und auf unser Leben herunterbrechen. Ich glaub, dass beide recht hatten und es leider nicht merkten. Hätte ich vor 20 Jahren wohl auch noch nicht gemerkt! Also, es gibt Zeiten, da ist das Heilige Abendmahl ein schlichtes Erinnerungsmahl. Es gibt aber auch Zeiten, da ist es ein Zeichen von etwas viel Grösserem. Es zieht hin zu einem ganz grossen und ganz mächtigen Geheimnis. Und dann gibt es Zeiten für einen Christen, für eine Christin, da gibt es nur noch eines: «Du bist es Herr oder du bist es überhaupt nicht. Ich nehme dich jetzt im Brot und im Wein in mich neu auf oder ich gehe unter.» - Diskussionen über das Abendmahl sind eine spannende Sache und man kann die Studenten damit ganz schön prüfen und ins Schwitzen bringen. Die Bedeutung aber des Heiligen Abendmahls klärt sich vielleicht mehr im Schmelztiegel des Lebens, als am Tisch einer weisen und heissen Disputation.

ER, der HERR hat damals ALLE eingeladen und ALLE teilnehmen lassen. Gemeindezucht mit Hilfe der Zulassung oder Ausgrenzung von Gläubigen, das ist eine spätere Entwicklung und war Jesus wohl eher fremd. – Erinnerungsmahl, zeichenhaftes Mahl oder direkte Teilhabe an seinem Leib und an seinem Blut, das überlassen wir vielleicht auf die Länge dem Leben selber. Zaubern können und müssen wir leitende Christen nicht. Das Wunder, das geschieht dann schon, wenn es sein muss, und sonst geschieht es eben meistens auch nicht. AMEN.

Bremgarten, den 1. Februar 2026


Ruedi Bertschi
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