Wir haben das neue Dach und die erneuerte Umgebung unserer Kirche in Bremgarten gefeiert. Wir hatten viel Grund dazu. - Nur hat Jesus in seiner Radikalität mal gesagt: "Die Füchse haben ihre Höhlen, die Vögel ihre Nester. Aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlegen kann." Daraus ist eine Predigt entstanden.
Predigt am Festgottesdienst vom 16.11.2025 zu Lukas 9:58
Nachfolge ohne Höhle und Nest
Liebe Fest-Gemeinde, liebe Gäste
Als Zar Wladimir der Grosse kurz vor dem Jahre 1000 n. Chr. spürte, dass eine spirituelle Neuausrichtung dran ist, hat er nach der Legende je eine Delegationen nach Mekka, nach Rom und nach Konstantinopel gesendet. Die aus Mekka rühmten das geordnete, alle verbindende tägliche Gebet der Moslems, sowie ihre Reinlichkeit, hatten aber erhebliche Bedenken bezüglich dem strikten Alkoholverbot. Die aus Rom rühmten die schönen Kirchen und Gottesdienste, die Gesänge, der Weihrauch und die edlen Gewänder. Die aus Konstantinopel aber fühlten sich bereits beim Anblick der mit goldenen Kuppeln bedeckten Gotteshäuser an der Schwelle zum Himmel und erlebten die alles in den Schatten stellenden Gottesdienste am Bosporus, als etwas, das schöner nicht sein könne: «Majestät wir waren im Himmel!». - Damit war die Sache entschieden. Russland wurde christlich nach der Weise von Byzanz.
Rund eine halbe Million wurde nun also für die Erneuerung und Auffrischung von unserer Kirche und ihrer Umgebung ausgegeben! - Sehr gut! Was einem was wert ist, darf auch was kosten. Form und Inhalt bedingen sich. Eine wertvolle Uhr hat schliesslich auch eine edle Verpackung. Und als der einstige Priesterzögling Josef Stalin 1931 die prächtigste Kirche Moskaus, die 103 Meter hohe Christ-Erlöser-Kathedrale, sprengen liess, da wusste er sehr wohl, was er tat. Willst du die Gläubigen entmutigen, muss du ihnen ihre Gotteshäuser zerstören, so wie man die Raben vertreibt, indem man ihre Nester runter holt. Und umgekehrt: als es mit dem Kommunismus vorbei war, wurde die Christ-Erlöser-Kathedrale für rund 170 Millionen US-Dollar am tupfgleichen Ort nach den tupfgleichen Plänen 1:1 wieder aufgebaut… Willst du die Gläubigen ermutigen, baue ihre Gotteshäuser wieder auf, so wie man Vögel fördert, indem man ihnen Nistkästen zur Verfügung stellt. - Wir tun darum gut daran, zu unseren Kirchen Sorge zu tragen, grad auch in herausfordernden Zeiten, wo mehr Reformierte sterben als geboren werden, und wo mehr Reformierte aus unseren Kirche austreten als eintreten. - Solange wir schöne Gebäude haben, ist das ein Zeichen, dass wir noch längst nicht aus dem letzten Loch pfeifen.
Doch aufgepasst! Ein nicht benutztes Vogelnest zerfällt bald mal und ein nicht benutzter Fuchbau bricht schnell mal ein. Eine Kirche ohne betende Menschen wird früher oder später zu einem Museum, wie die Barfüsserkirche zu Basel grad neben dem Stadtkasino; zu einer Ruine, wie in zahlreichen Orten von Irland oder zu einer Zahnarztpraxis wie die vormalige Methodistenkirche an unserer Bärenmattstrasse, wo unter ganz neuen Vorzeichen wieder gebetet wird, dann nämlich, wenn die Spritze, der Bohrer oder der Kostenvoranschlag im Anzug sind.
Ich möchte darum mit Euch jetzt einfach noch für einen Moment auf ein sehr pointiertes Wort von Jesus nachdenken, das im sogenannten samaritanischen Reisebericht von Lukas festgehalten ist: «Und als sie so ihres Weges zogen, sagte einer zu ihm: Ich will dir folgen, wohin du auch gehst. Jesus sagte zu ihm: Die Füchse haben Höhlen, und die Vögel des Himmels haben Nester, der Menschensohn aber hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann.»
Gell, in dieser Radikalität hat alles angefangen. Da geht es weder um neue noch um alte, weder um renovierte noch um vergammelte Kirchen. Da kommt einer, der es bereits sehr ernst meint und sagt: «Ich will dir folgen, wohin du auch gehst.» Doch Jesus, statt dass er sich freut und sagt «Willkommen!» gibt noch eins drauf: «Die Füchse haben Höhlen, und die Vögel des Himmels haben Nester, der Menschensohn aber hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann.»
Wir feiern heute mehr als eine Höhle. Wir feiern heute mehr als ein Vogelnest. Noch haben wir als Kirchgemeinde nicht wenig Geld. Aber die Zahl derer, die nachfolgen oder wenigstens dabei sein wollen, nimmt ab. Und da die Kontrastgeschichte aus dem Lukasevangelium: «Und als sie so ihres Weges zogen, sagte einer zu ihm: Ich will dir folgen, wohin du auch gehst. Jesus sagte zu ihm: Die Füchse haben Höhlen, und die Vögel des Himmels haben Nester, der Menschensohn aber hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann.»
Wie soll ich da die Kurve kriegen? – Nun, ich versuche es, indem ich etwas aus dem Nähkästchen plaudere… - Also, in unserer Kirchenpflege – das könnt Ihr Euch alle gut vorstellen - gibt es immer mal wieder Diskussionen zu den Fragen: Wieviel investieren wir in Gebäude? Wieviel geben wir für Menschen aus? Und wenn wir schon bei den Menschen sind, die in unserer Kirche an Zahl immer mehr abnehmen: Gewinnen wir Menschen, indem wir ihren Einsatz entschädigen oder gewinnen wir sie nach dem Grundsatz: «Wir sind als Freiwillige und somit als Unentgeltliche unterwegs!»? Ja, Hand aufs Herz: Gibt es denn so was, wie einen Gotteslohn, oder gibt es das nicht? Hat es so was überhaupt je gegeben? – Und die Löhne der voll- und teilzeitlichen Mitarbeitenden, woran orientieren sie sich? Am Bildungsgrad? An der Lebenserfahrung? An der Effizienz? Oder einfach an dem, was sich zurzeit in der Kasse befindet? Nach dem Motto: "S’hät so lang s’hät!» "
Wir alle wissen, dass man dazu nicht einfach bloss die Bibel aufschlagen kann und schon ist die biblische Lösung streng biblisch und schriftgebunden gefunden. Da brauchen wir immer wieder ein hörendes Ohr, harte Hirnarbeit, Weisheit, Fingerspitzengefühl, und vor allem auch Rückmeldungen und Anstösse von Euch, die Gebete von Euch... Im Wissen, dass es zu Beginn unserer Kirche und so zu Beginn unseres Weges mit Jesus noch so getönt hat: «Und als sie so ihres Weges zogen, sagte einer zu ihm: Ich will dir folgen, wohin du auch gehst. Jesus sagte zu ihm: Die Füchse haben Höhlen, und die Vögel des Himmels haben Nester, der Menschensohn aber hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann.» AMEN.
Bremgarten, den 16. November 2025
Ruedi Bertschi
Bärenmattstrasse 1
5620 Bremgarten
--
056 350 05 21 / ruedi.bertschi@ref-bremgarten-mutschellen.ch