Bitte keine Werbung!

Keine Werbung 2 (Foto: Ruedi Bertschi)
Werbung ist das Schmiermittel unserer Konsumgesellschaft. Werbung hängt an den Plakatwänden. Werbung flimmert über unsere Bildschirme. Werbung erscheint auf unseren Smartphones. - Im Leben und Wirken von Jesus erscheint aber immer wieder mal ein Werbeverbot. - Daraus ist eine Predigt entstanden.
Ruedi Bertschi,
Predigt zu Markus 7:31-37 vom 27.7.2025 in Niederwil
Thema: Bitte keine Werbung!


Liebe Gemeinde, liebe Gäste

Vom Autokönig Henry Ford stammt das Wort: „Wer aufhört zu werben, um Geld zu sparen, kann ebenso seine Uhr anhalten, um Zeit zu sparen.“ - Henry Ford wirkte u.a. nach dem Grundsatz: «Du musst nicht nur gute Sachen produzieren. Du musst sie auch unter den Leuten bekannt machen.» Und so hat Henry Ford für seine Automobile geworben, was das Zeug hält. Dass der Sohn irischer Auswanderer mit seinem Tun und Lassen gar nicht so daneben lag, sehen wir am Ende seiner Tage. Als er am 7. April 1947 starb, hinterliess er ein geschätztes Vermögen von 199 Milliarden US-Dollar. Er zählt darum bis heute zu den reichsten Menschen der Welt. Ich halte Henry Ford hoch in Ehren und habe darum seine Autobiographie «Henry Ford, Mein Leben und Werk» von der ersten bis zur letzten Seite gelesen. Von einem solchen Menschen kann man viel lernen…

Heute aber geht es um einen Mann und um eine Geschichte in einer nochmals anderen Liga. Sein Motto finden wir auf zahllosen Briefkästen. Die Botschaft lautet: «Bitte keine Werbung!». Wir hören aus dem Markusevangelium Kapitel 7:31-37: «Und wieder kam er, als er das Gebiet von Tyrus verlassen hatte, durch Sidon an den See von Galiläa mitten hinein in das Gebiet der Dekapolis. 32Da bringen sie einen Taubstummen zu ihm und bitten ihn, ihm die Hand aufzulegen. 33Und er nahm ihn beiseite, weg aus dem Gedränge, legte die Finger in seine Ohren und berührte seine Zunge mit Speichel, 34blickte auf zum Himmel und seufzte, und er sagt zu ihm: Effata! Das heisst: Tu dich auf! 35Und sogleich taten seine Ohren sich auf, und das Band seiner Zunge löste sich, und er konnte richtig reden. 36Und er befahl ihnen, niemandem etwas zu sagen, doch je mehr er darauf bestand, desto mehr taten sie es kund. 37Und sie waren völlig überwältigt und sagten: Gut hat er alles gemacht, die Tauben macht er hören und die Stummen reden.»

Merken wir? Da sind zwar die Orte mit Namen genannt: Tyrus und Sidon, der See von Galiläa und das Gebiet der Dekapolis. Vier konkrete Ortsangaben, doch ausgerechnet die beiden Hauptpersonen der Geschichte – der Heiler und der Geheilte – sie werden namentlich NICHT erwähnt. «Bitte keine Werbung!!» Markus, der Schreiber, hat die Botschaft ernstgenommen und alles, was nach Werbung aussieht, tunlichst weggelassen. Wir wissen bloss, was dem Kranken fehlt. Wir wissen nur, was vom Heiler erwartet und was er dann gemacht hat. Das, was der Heiler tut, grenzt an Quacksalberei: Speichel auf die Zunge des Kranken… Hygiene vom Feinsten! Und, das was er betete, wird in einem Wort wiedergegeben. - Der Heiler will nämlich keine Werbung. Im Gegenteil!! Er befiehlt sogar, dass sie es ja nicht weitererzählen…

Der Autokönig Henry Ford lehrt und lebt knappe 1900 Jahre später: «Wer aufhört zu werben, um Geld zu sparen, ist wie ein Mann, der die Uhrzeiger zurückhält, um Zeit zu sparen.» Er kann sogar etwas über seinen Werbeaktivismus lachen, indem er dazu auch noch sagte: «Fünfzig Prozent bei der Werbung sind immer rausgeworfen. Man weiß aber nicht, welche Hälfte das ist.“ Hier, in dieser Geschichte jedoch macht einer werbetechnisch alles ganz anders. Heiler und Geheilter sie bleiben ungenannt, weil der Heiler das so will, ja sogar so befiehlt. Auch der Ort der Heilung, sowie Tag und Stunde des Wunders bleiben unbekannt.

Immer und immer wieder staune ich über diese Jesusgeschichten. Denn eigentlich ist alles noch viel krasser und noch viel weiter von Henry Ford entfernt. Wir müssen in dieser Antiwerbegeschichte nämlich nochmals einen Gang tiefer schalten, indem wir uns den Geheilten noch etwas an uns heranlassen. Da meldet sich nicht ein edler königlicher Hofbeamter oder ein General, kein Hoher Priester und nicht mal ein allzeit geschätzter Dorfchef. In dieser Geschichte, da geht es in die Niederungen der menschlichen Gesellschaft. «Da bringen sie einen Taubstummen zu ihm…» O je, o je, diese Taubstummen damals in der Gegend der 10 Städte, im heutigen Jordanien. O je, o je, diese Taubstummen damals gegen Ende des 20. Jahrhunderts im Norden von Kamerun… Diese armen Kreaturen! Ja selbst bei uns im Freiamt, in der Stiftung Sankt Josef… Taubstumme, sie gehören bis heute zu den ärmsten und elendesten und isoliertesten unter den Schwachen und Behinderten. Sie stehen weit hinter den Blinden und Lahmen. Taubstumme, sie hören nicht und können darum auch kaum reden. Ihr Taubsein isoliert sie von den andern. Sie können nicht telefonieren, sie können am Stammtisch einem Gespräch nicht folgen, bei den erzählten Witzen nicht mit lachen und kommen beim normalen Fernsehschauen nicht draus. Bei unserer Lebensmittelverteilung jeweils am Donnerstagabend, da kommt auch ein taubstummes Ehepaar. Sie sind zwar Ukrainer, wie die meisten, welche Lebensmittel empfangen. Aber sie sind dennoch von den andern abgeschottet und als Paar kommunizieren sie mit Handzeichen…

In der Fulani-Sprache, die afrikanische Sprache, ich vor 36 Jahre gelernt habe, nennt man einen Taubstummen ganz lautmalerisch „Muukaajo“ – Ja, ein Taubstummer ist in den meisten Kulturen nichts anderes als ein «Muukaajo», ein „Muugi“ sozusagen, ein fertiger «Muugi», einfach nur ein armer, elender „Muugi“. Im Kreise von Muukaajos kannst du dir definitiv keine Lorbeeren holen. Mit Muukaajos lässt du dich besser nicht ablichten, wenn du Grossrat oder gar Nationalrat, Grossrätin oder gar Nationalrätin werden willst. Und jetzt kommts: Jesus aber nimmt sich ihm an, dem Armen, Elenden, Isolierten und wohl auch schlecht bekleideten…. Und statt eines Schauwunders heisst es: «Und er nahm ihn beiseite, weg aus dem Gedränge…» Und dann eben noch dies: «Und er befahl ihnen, niemandem etwas zu sagen».

Die Geschichte von der Heilung des Taubstummen berührt mich immer wieder. Die Geschichte muss wahr sein, weil kein Mensch auf die Idee käme, so eine Antiwerbegeschichte zu erfinden. Die Werbung, die machen die andern dann schon, ob man es ihnen verbietet oder nicht. Ist das Produkt so durchschlagend gut, so findet immer eine Mund-zu-Mund-Propaganda statt. Immer, bis heute! – Diese Geschichte, sie macht mir Mut, im Stillen Christ und Pfarrer zu sein, Menschen besuchen, Lebensmittel im Coop abzuholen und sie ab 20:30 Uhr an Bedürftige zu verteilen, ohne zuvor, den schönsten Kuchen für uns Helferinnen und Helfer zu reserviere und auch die im Altersheim zu besuchen, von denen man nicht sicher ist, ob sie es 5’ nach dem Besuch noch wissen, dass sie besucht worden sind… Als kleine Warnung hat jemand mal etwas salopp gesagt: «Wer immer in aller Leute Mund sein will, muss sich nicht wundern, wenn er bald etwas zerknittert daherkommt.»

Ich möchte uns allen Mut machen, aus IHM, dem Lebendigen heraus zu leben, in dieser Schlichtheit, in dieser Einfachheit, in diesem Vertrauen ins Leben und somit auch in Gott. Jesus hat in seiner berühmten Bergpredigt gesagt: «Und der HERR, der ins Verborgene sieht, wird es dir vergelten öffentlich.» Und das sagte Jesus nicht nur, sondern er lebte es auch. Die Geschichte von der Heilung des Taubstummen, die wir in keinem anderen Evangelium finden, ausser bei Markus, ist so eine gelebte Sache. Die Geschichte ist so unglaublich befreiend, tröstlich und im besten Sinne heilsam, gerade für unsere so publizitätsaffine Zeit, wo möglichst alle irgendwie und irgendwo «Influencer» sein wollen. Nehmen wir Zeit für einen Nachbarn, für einen Enkel, für eine Enkelin, auch wenn das morgen nicht in der Zeitung steht! Diese Geschichte erinnert mich auch an einen Hinweis vom alten Gottfried Keller, der einst schrieb: „Alles Grosse und Edle ist einfacher Art“. Jesus hat die Werbung den andern überlassen. Für die Gründung der grössten Weltreligion hat es allemal gereicht und vielleicht wird diese Geschichte auch dann noch erzählt, wenn fast niemand mehr weiss was ein Ford Auto ist. AMEN.


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Bremgarten, den 27.7.2025


Ruedi Bertschi
Bärenmattstrasse 1
5620 Bremgarten
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